[privatsphäreDC]


Einer meiner Lieblingsdiskussionspartner, elzoido, seines Zeichens Pirat, bloggt über unbegründete Vorbehalte gegen Google Street View. Ich widerspreche. Mehr oder weniger traditionsgemäß.

Elzoidos Argumente sind ja eigentlich alle irgendwie richtig. Im Kern sagt er "Solange wir alles von allen veröffentlichen und für die Ewigkeit festhalten was irgendwann irgendwo sowieso im öffentlichen Raum passiert, kann sich niemand beschweren. Außerdem hat es einen Nutzen, und ich zum Beispiel will es!"

Andererseits hat zuletzt das Phänomen Epic Beard Man gezeigt, wie schnell sich unerwünschte Inhalte im Netz tsunamiartig verbreiten können. Elzoido selbst sagte letztens noch zu mir "Hoffentlich wird [das Internet] nie auf mich aufmerksam!!" Und das ist eben die Krux des Ganzen. Zufällig mit offenem Hosenladen an einer Prostituierten vorbeispaziert, fotografiert und BÄM, schon bist du über Nacht Internetstar mit eigener Subkultur und die Lachnummer der ganzen Welt. Dank Bauch, T-Shirt und Bart können dich schnell auch die ersten Freunde und Bekannten identifizieren und dann wird das ganze in failbook und studiKZ weiterverbreitet. "Aber es gibt direkt eine Möglichkeit, das entsprechende Bild Google zu melden, um es manuell nachbearbeiten oder gar entfernen zu lassen"?!? Aäääähm, never gonna happen. Mag ja sein, aber der Zug ist üblicherweise abgefahren. Und da ich nicht weiß, ob wann und wo ich fotografiert wurde, ist eine präventive Eigenrecherche quasi unmöglich.

Klar, das kann dir auch ohne Street View passieren. Locker. Viel zu leicht sogar. Aber so systematisch und in solchen Massen erhobene Daten fördern eben zwangsweise einige "Treffer" zutage. Ich weiß nicht ob ich mich dann wirklich auf die Hoffnung verlassen will, vielleicht ja nicht aufzufallen. Das erinnert mich an das üble Gefühl, ohne gemachte Hausaufgaben zwischen 25 Mitschülern zu sitzen und ja nicht den Lehrer anzuschauen.

Wir geben nunmal immer mehr unserer Privatsphäre auf, und das gefährliche ist, wir tun es freiwillig, für alle, und wir wollen es sogar. Der Staat? Nein, der Staat darf keine Kameras auf öffentlichen Plätzen aufstellen und beobachten was passiert. Wenn mich jemand kontrollieren darf, dann maximal mein Nachbar, oder dessen Frisör, oder dessen Bekannter, oder irgend ein Fremder irgendwo auf der Welt. Aber um Gottes Willen, nicht der Staat. Denn wer weiß schon, was der damit vor hat!?

Ich bin ja noch nichteinmal gegen Street View, im Gegenteil, ich werde es vermutlich begeistert nutzen. Aber ganz vorbehaltlos betrachte ich diese Entwicklung nicht, und ich kann jeden verstehen, der sich lieber ein kleines bisschen zu viel Privatsphäre sichern möchte, als alles zu verlieren.

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Kommentare

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  1. elzoido schreibt:

    1. Du widersprichst mir doch nicht, du gewichtest die Argumente nur leicht anders.

    2. Epic Beard Man. Gutes Beispiel. War kurz der absolute Hype mit viel kreativen Video-, Audio- und Bilder-Verwurschtungen, aber schon nach wenigen Tagen fällt das Interesse rapide ab - http://tinyurl.com/yc94prl - und in wenigen Wochen wird sich fast niemand mehr dran erinnern geschweigedenn den EBM auf der Straße erkennen.

    3. Ich persönlich bin gegen Kameraüberwachung, weil es nix bringt, unverhältnismäßig ist und den altbekannten Generalverdacht voraussetzt. Verbrechen, Hurereien, Drogendealereien und Raubkopierereien werden nicht verhindert, sie werden höchstens verlagert. Und ob die Aufklärungsquote signifikant steigt, muss sich auch erstmal zeigen, UK geht da nicht gerade mit herausragendem Beispiel voran.

    Und nach wie vor meine ich, dass die Vorteile der Allgemeinheit die Nachteile des Einzelnen überwiegen :-)

  2. krustyDC schreibt:

    1. Das ist eine schöne Umschreibung für Widersprechen :-)

    2. Das Interesse fällt rapide ab, natürlich. Aber auch bei seinen Freunden und Bekannten? Und hat es auch ganz sicher der nächste afro amerikanische Sachbearbeiter vergessen, auf den er angewiesen ist?

    3. Ich bin auch nicht für eine Kameraüberwachung, weil ich mich dadurch eventuell unwohl fühlen würde. Ich finde nur die rationale Argumentation dagegen etwas dünn.

  3. Judy schreibt:

    Ich bin nun freizeitmäßig wahrlich viel im Netz unterwegs, aber das mit dem EBM hab ich z.B. GAR NICHT mitbekommen.
    Und wie elzoido schon sagte - der Hype läßt doch im Netz genauso schnell wieder nach, wie er anfängt. Wenn man nicht gerade eine Berühmtheit ist. Und selbst dann...

    Klar, man sollte schon aufpassen, was man von sich selber preisgibt etcetcetc. Aber ich habe jetzt nicht wirklich Angst, daß ich durch irgendwelche öffentlichen Kameras ins Inet komme und da ein Hype draus gemacht wird.(Und das geht im Übrigen auch ohne öffentliche "Überwachung", da reicht ein übereifriger Fotograf auf einer Party, der würde im Zweifel eh die kompromittierenderen Bilder schießen ;-) )

    Und Facebook dürfte man da soweiso nicht mehr benutzen...

  4. krustyDC schreibt:

    Der EBM war aber wirklich in vielen Pic- und Videodumps der letzten Wochen, dann haste nicht richtig geschaut ;-) Ja, der Hype lässt nach. Aber auch danach erinnern sich immer mal wieder Leute daran. Und erfahrungsgemäß sind es immer die falschen.

    Ich habe ja auch nicht wirklich Angst. Aber die Google-CEO Aussage "If you have something that you don't want anyone to know, maybe you shouldn't be doing it in the first place." jagt mir ehrlich gesagt schon einen kleinen Schrecken ein. Und da verstehe ich eben auch irgendwie jeden, der sich sein kleines Reich beschützen möchte.


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